Grausamkeit geht viral: Warum die neue „Carrie“ so aufwühlt | Amberg24

Die neue Miniserie „Carrie“ ist mit acht Folgen weltweit bei Amazon Prime Video verfügbar.  (Bild: Robert Falconer/Prime/© Amazon Content Services LLC/dpa)
Die neue Miniserie „Carrie“ ist mit acht Folgen weltweit bei Amazon Prime Video verfügbar. (Bild: Robert Falconer/Prime/© Amazon Content Services LLC/dpa)
Die neue Miniserie „Carrie“ ist mit acht Folgen weltweit bei Amazon Prime Video verfügbar. (Bild: Robert Falconer/Prime/© Amazon Content Services LLC/dpa)
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Die neue Miniserie „Carrie“ ist mit acht Folgen weltweit bei Amazon Prime Video verfügbar. (Bild: Robert Falconer/Prime/© Amazon Content Services LLC/dpa)

Grausamkeit geht viral: Warum die neue „Carrie“ so aufwühlt

Blutbad in der Ballnacht: Stephen Kings Kultgeschichte kommt zurück. Sie spielt diesmal in der Gegenwart, im Zeitalter von Instagram und Tiktok - und ist deshalb düsterer denn je.

Carrie White hat ihr Leben lang in den eigenen vier Wänden verbracht, eingesperrt und in der Obhut ihrer strengen Mutter. Nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters kommt das Mädchen an eine öffentliche Highschool. Die 16-Jährige freut sich auf die Welt da draußen, erntet aber nur Demütigung und Spott. Während ihre Mitschülerinnen sie zur Zielscheibe machen, erwacht in Carrie eine mysteriöse Macht, die niemand kontrollieren kann. Was mit alltäglichen Erniedrigungen beginnt, endet in einer brennenden Kleinstadt.

Ein einsames Mädchen, ein grausamer Streich, eine blutige Katastrophe: Stephen Kings „Carrie“ gehört zu den bekanntesten Horrorgeschichten überhaupt. Nun bringt Regisseur Mike Flanagan („Spuk in Hill House“) die Außenseiterin, gespielt von Summer H. Howell, ins Zeitalter des Cybermobbings. Es geht um erniedrigende Bilder, hasserfüllte Kommentare und eine Form von Gewalt, die nicht am Schultor endet. 

Jetzt (Streamingstart 7. Oktober) ist die neue Miniserie „Carrie“ mit acht Folgen weltweit bei Amazon Prime Video verfügbar.

Fast wäre Kings Karriere im Papierkorb gelandet

Ein schüchternes Mädchen, von Gleichaltrigen gequält und von ihrer religiös fanatischen Mutter unterdrückt, rächt sich beim Abschlussball an ihren Peinigern mit telekinetischem Terror - das ist die Geschichte, mit der Stephen King einst berühmt geworden ist. Dabei wäre die Story beinahe nie erschienen.

Rückblick: King ist in den 70er Jahren noch kein Bestsellerautor, sondern kann als schlecht bezahlter Englischlehrer seine Familie kaum über Wasser halten. In einem Miet-Wohnwagen beginnt er schließlich mit seinem Roman „Carrie“ - und ist erstmal so unzufrieden mit dem Manuskript, dass er es in den Mülleimer wirft. Seine Frau fischt es wieder heraus und ermutigt ihn, weiterzuschreiben.

Aus dem verworfenen Versuch wird „Carrie“, Kings 1974 veröffentlichter Debütroman: Die tragische Coming-of-Age-Geschichte legt den Grundstein für eine Weltkarriere. Insgesamt verkauft King mehr als 350 Millionen Bücher. Die erste Verfilmung von Regisseur Brian De Palma aus dem Jahr 1976 mit Sissy Spacek in der Hauptrolle gilt als Horrorklassiker und wird zweimal für den Oscar nominiert. Seitdem gab es noch weitere Verfilmungen, zuletzt 2013. 

Highschool-Alltag als eigentlicher Horror

Nun also noch einmal „Carrie“ - diesmal mit acht Folgen Zeit, das Unheil heranwachsen zu lassen. Aber braucht es das wirklich? 

Ja, unbedingt! Selbst wer die Handlung der Geschichte bereits in- und auswendig kennt, dürfte von der Serienadaption begeistert sein. Das Drehbuch ist düster, die Figuren vielschichtig, die tragenden Rollen brillant. Und da haben wir noch gar nicht vom mitreißend-melancholischen Soundtrack gesprochen. 

Im Gegensatz zu den 70er Jahren müssen sich die Protagonisten nicht nur mit der eigenen Pubertät herumschlagen. Hass und Hetze, Fake News, Amokläufe an Schulen gehören zu ihrer Gegenwart. Ein gefälschter Account entfacht einen Shitstorm, Carries Demütigung wird zum öffentlichen Ereignis. Die Gewalt bleibt nicht auf den Schulflur beschränkt. Es geht um Sehnsüchte, Ängste und Unsicherheiten von Teenagern und das ganz alltägliche Grauen des Erwachsenwerdens an einer Highschool. Da gerät der Horror glatt in den Hintergrund. 

Der Eimer Schweineblut als vertrautes Requisit

Flanagan erzählt von einer Gemeinschaft, die ein verletzliches Mädchen nicht schützt. Carries Peiniger sind nicht von Grund auf böse, sondern komplex. Der Regisseur zeigt ihre eigenen Verletzungen, Ängste und Abhängigkeiten - und wie daraus der Drang entstehen kann, andere kleinzumachen. Die Erwachsenen erkennen die Gefahr zu spät, sind überfordert oder so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie das Leid vor ihren Augen übersehen. Der Regisseur, der bereits mehrere Geschichten von King umsetzte, blickt dabei auch auf das moderne Amerika, auf religiösen Fanatismus, auf familiäre Abschottung und schulische Überforderung. 

Hinter jeder Folge wartet eine völlig unvorhersehbare Wendung. Selbst das zerstörerische Finale hat noch Überraschungen zu bieten. Nur so viel sei gespoilert: Der Eimer voller Schweineblut wartet auch diesmal auf seinen Einsatz. Und der Abschlussball wird zum Inferno. 

Was diese gelungene Serie aber vor allem zeigt: Das Grauen braucht keine übernatürlichen Kräfte. Ein Smartphone reicht schon.

© dpa-infocom, dpa:261007-930-801057/1

 
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