Aromen, Handwerk und Oberpfälzer Bierheimat – Bier-Sommelière Samira im Interview | Amberg24

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Samira Gietl Bier-Sommelière mit Leidenschaft. (Bild: lolografie)
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Samira Gietl Bier-Sommelière mit Leidenschaft. (Bild: lolografie)

Aromen, Handwerk und Oberpfälzer Bierheimat – Bier-Sommelière Samira im Interview

Samira Gietl (28) aus Illschwang ist Bier-Sommelière und teilt ihre Leidenschaft auf Instagram „hopfen.glueck“ mit 18.000 Followern. Im Interview erklärt sie, wie sie bei Tastings objektiv bleibt und warum ein schnelles Helles immer geht.

Wie bist du von der Bierliebhaberin zur professionellen Bier-Sommelière geworden?

So richtig angefangen hat’s 2017 in England, bei meinem Auslandspraktikum. Bier hab ich schon immer gern getrunken – aber dort gab’s halt nicht „das Standardbier“. Also war ich fast gezwungen, andere Bierstile auszuprobieren. Ich hab dann Notizen gemacht: Was schmeckt mir? Was bestelle ich wieder? Und dabei hab ich erst richtig gemerkt, wie unfassbar vielfältig Bier ist – wie viele Aromen da drinstecken können. 2023 hab ich mir dann einen kleinen Traum erfüllt und die Weiterbildung zur Bier-Sommelière gemacht. Aber der Titel bedeutet nicht, dass kein „schnelles Helles“ mehr drin ist.

Dachtest du irgendwann „Das ist mehr als ein Hobby“ – oder war’s ein Prozess?

Es war eher schleichend. Ich hab das nach England zuhause fortgeführt und immer verschiedene Biere ausprobiert. 2022 hab ich den „Assistant Craft Brewer“ gemacht und gemerkt: Mensch, das taugt mir richtig, ich kann mir vorstellen, auch Bierverkostungen zu machen. Und dann war klar: Ich werde jetzt Bier-Sommelière.

Bier ist für viele „nur“ Genuss. Wie bleibt das für dich – und wird nicht Routine?

Mir ist ganz wichtig: Genuss muss Spaß machen. Wenn ich jedes Bier zerdenken würde, dann wäre die Freude schnell weg. Deshalb versuche ich, das zu trennen: Es gibt die bewusste Verkostung – und es gibt das Feierabendbier. Sonst wird Leidenschaft schnell zur Arbeit.

Du machst auch eine Wein und Genussweiterbildung?

Ja, das stimmt. Ich kann mich mittlerweile Wein- und Genussberaterin nennen – mir fehlt nur noch das Abschlusszertifikat, die Prüfung ist im November. Ich habe irgendwann gemerkt: Über Bier weiß ich inzwischen richtig viel, aber sehr wenig über Wein. Und genau das wollte ich ändern, weil ich eine total neugierige Person bin. Und ja, es gibt diese Lager: Biertrinker und Weintrinker. Ich bin eher Biertrinkerin, aber Wein ist ebenso total spannend. Ich finde aber, Genuss sollte man breiter denken.

Wenn Leute Bier nur „süffig“ oder „herb“ nennen: Nervt dich das?

Überhaupt nicht. Jeder beschreibt Bier anders, und wenn man keine Sommelière-Ausbildung gemacht hat, ist es logisch, dass man zu solchen Begriffen greift. Natürlich kann man viel differenzierter reden: grasig, krautig, floral. Aber ich benutze „süffig“ selbst auch. Und ich merke bei Verkostungen, wenn ich sage, „das riecht nach Holunderblüte“, dann kommt oft dieses „Aha-Erlebnis“. Und genau das liebe ich.

Was können Laien tun, um Biere besser zu beschreiben?

Ich würde immer bei der Optik anfangen: Welche Farbe? Trüb oder filtriert? Wie ist der Schaum? Dann ganz bewusst riechen. Und dabei erstmal an Aromengruppen denken, also: zum Beispiel fruchtig, floral, geröstet. Das macht’s viel leichter. Wir riechen im Alltag viel zu wenig bewusst – an einem Apfel riechst du ja auch nicht, du isst ihn einfach. Dann natürlich probieren und aufs Mundgefühl achten. Mein Tipp: Schenkt Bier mal in ein Tasting-Glas ein. Das ist ein ganz anderer Genussmoment.

Wie erklärst du ohne Fachbegriffe, warum gutes Bier mehr ist als ein Durstlöscher?

Für mich ist ein gutes Bier eins, bei dem ich nach dem Trinken denke: „Da könnt’ ich noch eins davon trinken.“ Man muss sich immer wieder bewusst machen: Bier ist ein Handwerksprodukt. Aus vier simplen Zutaten kann man eine riesige Geschmackspalette erschaffen. Da stehen echte Menschen dahinter – und das wird oft unterschätzt. Beim Wein ist dieser Respekt irgendwie automatisch da, beim Bier nicht immer.

Als „Qualified Beer Judge“: Was ist der Unterschied zwischen Profi-Bewertung und „einfach probieren“?

Bei professionellen Verkostungen geht’s nicht um meine persönliche Meinung. Wenn ich ein Weizen vor mir habe, ist die Frage: Wie muss ein Weizen schmecken? Erfüllt dieses Bier die Kriterien eines Weizens? Und man lernt auch das Verhalten am Verkostungstisch. Mimik im Griff haben, kein Gesicht verziehen, auch wenn’s wirklich nicht deins ist. Das hat mit Respekt zu tun. Schließlich ist es ein Handwerksprodukt. Fairness steht hier an oberster Stelle.

Wo endet für dich beim Thema Craft-Beer Handwerk, wo beginnt Effekthascherei?

Ich liebe unser „normales“ Bier und das Reinheitsgebot. Craft ist aber ein sehr spannendes Thema, solange es Bier bleibt. Wenn ich ein Bier einschenke und es ist dickflüssig wie ein Smoothie oder es sind künstliche Aromen zugesetzt, wird es schwierig für mich. Und das Verrückte ist ja: Mit den vier Zutaten kann man viel erreichen, sogar völlig wilde Aromen wie Kaugummi. Bier ist ein natürliches Produkt und soll es bleiben.

Hot Take: Ist Zoigl Craft-Beer?

Wortwörtlich betrachtet wäre Zoigl schon Craft. Zoigl ist für mich aber vor allem ein Kulturgut. Viele verbinden mit Craft eher IPA, kaltgehopfte Biere. Und der Begriff kommt ja aus Amerika – da steht Craft oft für kleine unabhängige Brauereien. Wenn man das streng nimmt, wären in Deutschland gefühlt fast alle Brauereien Craft-Brauereien.

Wie sehr prägt dich die Oberpfalz als Bierexpertin?

Ich komme ursprünglich aus Hohenkemnath, wohne aber in Illschwang. Und ich glaube wirklich, das prägt, wenn man so viele gute kleine Brauereien in der Umgebung hat. Diese Vielfalt ist einzigartig. Hier bei uns ist Bier einfach sehr präsent – und qualitativ auf einem extrem hohen Niveau. Hier vielleicht ein kleiner persönlicher Aufruf: Leute, kauft lokales Bier. Es zahlt sich aus.

Gilt Bier analog dem alten Denken noch als Männerdomäne?

In meinen Ausbildungen war ich oft eine von vielleicht zwei Frauen im ganzen Kurs. Aber: Ich hatte noch nie das Gefühl, dass weniger auf meine Meinung gehört wird, nur weil ich eine Frau bin. Und es werden auch immer mehr Frauen Bier-Sommelière – unsere Community wächst. Frauen können auch Bier trinken. Sehr gut sogar.

Wie viel Zeit fließt täglich in deinen Instagram-Account?

Ungefähr zwei Stunden am Tag, wenn ich motiviert Content mache. Dazu kommt Community-Management, Nachrichten beantworten – das Ganze lebt ja vom Austausch. Hauptberuflich bin ich Online-Marketing-Managerin. Insta ist bei mir also Leidenschaft und Plattform, aber auch etwas, das mich beruflich beschäftigt.

Du sagst: „Bier aus der Dose ist am besten“ – warum?

Die Dose wird noch total verteufelt, gerade bei uns in Bayern. Aber eigentlich ist sie ein Mini-Fassl. Sie ist luftdicht und blickdicht. Perfekte Bedingungen, auch fürs Lagern. Technisch ist sie Flaschen mit Kronkorken sogar überlegen.

Gibt’s Biere, bei denen die Flasche überlegen ist?

Ja, Hefeweizen mit Flaschengärung. Flaschengärung funktioniert in der Dose so nicht.

Du braust selbst. Was müssen Hobbybrauer beachten?

Zum Start braucht man keine Profi-Ausrüstung. Einen Topf, ein Sieb, ein Thermometer und einen Gäreimer. Wichtig ist Hygiene beim Abfüllen. Und Zucker für die Nachgärung in der Flasche. Das muss man exakt berechnen, sonst können Flaschen explodieren. Da helfen Online-Ratgeber, aber du brauchst unbedingt eine Waage. Und ich finde es gut, wenn man klein anfängt – nicht gleich die Riesenausstattung kaufen und dann merken: Das ist gar nichts für mich.

Welches Bier würdest du Weinliebhabern einschenken?

Ich würde ein Italian Grape Ale nehmen – ein Bier, das auf Weintrauben vergoren wird, also ein Bier-Wein-Hybrid. Das erfüllt nicht das Reinheitsgebot – aber es kommt aus Italien, das hat dort Tradition. Für mich ist das vertretbar. Ich sag immer: Für jeden Weintrinker gibt es ein Bier. Aber nicht für jeden Biertrinker gibt es einen Wein.

Ein Bier, das den „Oberpfälzer Spirit“ einfängt: Wie schmeckt es – und wie heißt es?

Wenn ich die Oberpfalz einschätze, würde ich nichts allzu Ausgefallenes machen. Wir trinken schon gern das, was wir kennen. Ich könnte mir ein naturbelassenes, naturtrübes Bier vorstellen, eben weil wir so schöne Natur haben. Und weil es bei uns sehr waldig ist, würde ich mit Hopfenaromen arbeiten, die eine leichte Kiefer-Note reinbringen. Sodass es im Abgang ein bisschen „waldig“ wird – aber trotzdem zugänglich, nicht experimentell. Ein Bier mit Charakter und Understatement. Eines, das man gerne noch ein zweites Mal bestellt. Und der Name? Spontan: Heimatliebe.

 
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